Angespielt: NieR: Automata

Meine Meinung zu Nier: Automata formte sich über 60 Stunden lang. Zu Beginn war ich überrascht, wie gut es sich spielt. Die Kämpfe, der Flow, die Geschwindigkeit des Movements. Je länger ich dran blieb, desto mehr lernte ich das Narrativ zu schätzen, dass sich so intelligent und vielseitig zu erzählen wußte. Nach dem dritten, vierten und fünften Ende fand ich nur noch ein Wort, das mein Gefühl passend beschrieb: „Meisterwerk“.

Einleitung

Ich möchte nichts über die Geschichte schreiben, weil es wichtig ist das neueste Werk von Yoko Taro in seiner Gänze und völlig ohne Vorwissen selbst zu erleben. Gesagt sei nur, dass Nier: Automata nicht endet, wenn ihr die Credits zum ersten Mal zu Gesicht bekommt. Ihr wechselt nach dem erneuten Laden eures Speicherstandes die Rolle und erlebt das Geschehen aus einem anderen Blickwinkel. Dies werdet ihr erneut wiederholen müssen, damit die eigentliche Geschichte weitergeht. Ja, richtig gehört: Nier: Automata setzt seine Geschichte nach dem zweiten Ende fort – inklusive völlig neuem Content! Erst dann könnt ihr die finalen Enden (von denen es insgesamt 26 gibt) freischalten.

Um es kurz zu halten: In der Geschichte werden Androiden, Emotionen, der Sinn des Seins und viele andere Themen behandelt, die eigentlich recht typisch sind für dieses Metier. Ähnlich wie Isaac Asimovs Robotergeschichten, werdet ihr in Nier: Automata Zeuge von vielen kleinen und großen Geschichten, die sich mit der Zeit – bzw. von Ende zu Ende – immer weiter entwickeln, bis sie dann alle sinnig zusammenlaufen bzw. der Haupterzählung als kleines Podest dienen.

Yoko Taro erzählt eine Geschichte, wie sie nur in einem Videospiel möglich ist. Er nutzt das Medium in seiner Gänze aus, durchbricht auch gerne mal augenzwinkernd die vierte Wand und schert sich nicht um Konventionen. Das einzige, was er dafür fordert ist, dass der Spieler sich darauf einlässt und nicht abspringt. Und das solltet ihr nicht. Auf keinen Fall. Sonst verpasst ihr möglicherweise eines der wichtigsten Werke in der Videospiel-Historie.

Gameplay

War das erste Nier noch in Sachen Gameplay ein mittelmäßiges Spiel, kann dank der Zusammenarbeit mit den Action-Spezialisten PlatinumGames Yoko Taro aus den Vollen schöpfen und sich ganz auf sein Element konzentrieren, ohne dass andere Aspekte darunter leiden müssen. Das Kampf-System ist einsteigerfreundlich, aber gleichzeitig herrlich komplex. Unzählige Waffen, viele Kombinationsmöglichkeiten und ein großartiges Spielgefühl geben dem Spieler viel Raum für Experimente. Kein Kampf fühlt sich redundant an, fordert je nach Schwierigkeitsgrad, verzeiht kleine Fehler, belohnt dabei aber auch wahre Könner. Mit dem intelligenten „Skill-System“, das ihr nach eigenem Gutdünken selbst konfigurieren könnt und euren Spielstil selbst bestimmen werdet, ging man einen sehr innovativen Weg in diesem Genre, der hoffentlich kopiert wird in anderen Titeln. Waffen lassen sich des Weiteren in vier Stufen aufrüsten und eigene kleine Storylines entlocken, ähnlich wie in den Dark Souls-Titeln. Selbst Fischen ist, wie in jedem guten japanischen Rollenspiel, fester Bestandteil. Auch wenn geangelter Schrott letztendlich mehr Wert ist als die lebendigen Unterwasserbewohner. Ebenso benötigt ein richtiger Androide keine herkömmliche Angel für solch ein Unterfangen,…

Damit will ich sagen: Das Grundgerüst, an denen es früheren Yoko Taro-Titeln oft fehlte, ist diesmal gut und macht schon für sich allein Spaß. Der geneigte Spieler muss also keinerlei Abstriche machen, um die wirren Gedankengänge des kreativen Kopfes hinter Nier genießen zu können. Nier: Automata würde auch ohne Taro funktionieren, wäre ein gutes Action-Rollenspiel mit einer grafisch nicht sonderlich ansprechenden, aber in ihrem Art-Design überzeugende Open-World. Aber dank seines Stils, seinen vielen Überraschungen, seiner interessanten Art Geschichten zu erzählen und seiner Fähigkeit, das Herz des Spielers im richtigen Moment zu packen, um es dann andernorts zu zerquetschen, ist es meisterhaft. Die anfänglich noch simple Geschichte gewinnt mit jedem weiteren Durchgang an Komplexität und stellt mehr und mehr Verbindung zum Vorgänger auf, die vorher absolut nicht absehbar waren. Nier: Automata überrascht. Andauernd. Egal ob mit seinem innovativen Einsatz der Kamera, Retro-Spielabschnitten oder den plötzlichen Übergang in ein völlig anderes Genre. Es wird aus den Vollen geschöpft, mit Erwartungen gespielt und dann schnurstracks wieder damit gebrochen. Großartig, aber schwer zu verkaufen, wenn man es nicht selbst erlebt.

Sound

Der Soundtrack ist ganz, ganz, ganz groß. Für sich genommen schon den Kaufpreis wert. Keiichi Okabe, gemeinsam mit Kollege Keigo Hoashi und Studioband Monaca, waren bereits für die musikalischen Untermalungen von Drakengard 3 und dem ersten Nier verantwortlich, liefern in Nier: Automata jedoch ihre bisher stärkste Leistung ab. Jede Stimmung wird perfekt untermalt, jeder Track liegt in unterschiedlichen Variationen vor und findet meisterhaft Verwendung. Auch hier gilt: Man muss es erleben, um zu verstehen wie gut dieses Element ins Spiel integriert wurde.

Technik

Hier hapert der Titel leider gewaltig. Ausgewaschene Texturen und eine PC-Portierung, die nur dank der Community ein zufriedenstellendes Ergebnis liefert. Man merkt die große Unerfahrenheit von PlatinumGames mit dem PC (und Open-World-Szenarien?). Nein, ein Grafik-Spektakel darf hier niemand erwartet, dafür aber eine stilsichere Inszenierung und großartige Animationen. Ich persönlich hatte während meiner 60 Stunden einen Absturz und keinerlei Probleme mit der Performance, aber stelle damit wohl eher eine Ausnahme dar.

Fazit:

Man muss Nier: Automata erleben, um darüber sprechen zu können. Mindestens drei Durchgänge sind nötig, ansonsten ist es schwierig die Genialität des Titels zu würdigen, ohne in gefährliches Spoiler-Territorium vorzudringen. Ergo kann ich nur jedem Gamer, der sein Hobby ähnlich liebt wie ich, anraten: Holt euch Nier: Automata und genießt jede Sekunde davon. Es lohnt sich. Ihr werdet nichts Vergleichbares auf dem Markt finden.

10/10